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Dieneoliberale Indoktrination

DerNeoliberalismus ist als Gesellschaftsideologie ein Phänomen. Nicht nur macht erden Armen und Schwachen weis, sie wären an ihrem Elend selbst schuld. Er schafft es auch,dafür zu sorgen, dass das wahre Ausmaß dergesellschaftlichen Armut kaum je an die Öffentlichkeit dringt; dass dasGesundheitssystem trotz immer höherer Ausgaben immer inhumaner wird; dass dieSoziale Arbeit erodiert und kaum jemand etwas hiergegenunternimmt; dass mittels Stiftungen ein regelrechter „Refeudalisierungsboom“ im Lande tobt undInvestoren inzwischen auf die Privatisierung des öffentlichen Bildungssystemsabzielen. Zur Frage, wie denMenschen mittels geeigneter Psychotechniken der Geist vernebelt wird, umWiderstand gegen diese unmenschliche Ideologie weitestgehend unmöglich zumachen, sprach Jens Wernicke mit demWahrnehmungs- und Kognitionsforscher Rainer Mausfeld.

Herr Mausfeld, Sie haben als Wahrnehmungs- und Kognitionsforschervor Kurzem unerwartet so etwas wie ein wenig Berühmtheit erlangt, als einVortrag von Ihnen zur Frage „
Warum schweigen die Lämmer?“ auf YouTube plötzlichauf immense Nachfrage stieß. Fast 200.000 Menschen haben ihn inzwischen gesehenund es werden nach wie vor mehr. Wie erklären Sie sich die immense Nachfragenach ihm?

Die Resonanz hat michüberrascht. Denn in der Form ist der Vortrag recht trocken und bisweilen auchakademisch. Inhaltlich versuche ich lediglich, einige Fakten aus einerbestimmten Perspektive in eine innere geistige Ordnung zu bringen. Vielleichtwird dies ja als hilfreich empfunden, da in der Flut fragmentierterInformationen, mit der wir gerade im gesellschaftlich-politischen Bereichkonfrontiert sind, die Sinnzusammenhänge mehr und mehr verlorengehen und unsdadurch die Möglichkeit zu einer eigenständigen Meinungsbildung erschwert odergar genommen wird.

Wie kam esdenn zu diesem Vortrag?

Der Vortrag, der einigeThemen aufgreift, die ich auch in Veranstaltungen des Psychologiestudiumsanspreche, war nur für einen kleinen Kreis von Studenten und Freunden gedacht.Thematisch gehört der Vortrag ja nicht zu meinem Arbeitsbereich, der Wahrnehmungs-und Kognitionsforschung. Die Gemeinsamkeiten meines Arbeitsbereichs und desgesellschaftspolitischen Themas des Vortrags liegen denn auch weniger auf einerinhaltlichen als auf einer denkmethodologischen Ebene. Denn in derGrundlagenforschung wie im Bereich des Gesellschaftlich-Politischen können wiruns nur dann ein Stück Autonomie gegenüber dem jeweiligen Zeitgeist bewahren,wenn wir bei jedem Thema zunächst fragen, aus welchem ideengeschichtlichen undhistorisch-gesellschaftlichen Hintergrund es sich entwickelt hat und welchestillschweigenden Prämissen und welche verborgenen Vorurteile bereits in derFormulierung eines Themas oder einer Frage enthalten sind.

Zu einem solchen“Hinterfragen“ sind wir alle von Natur aus befähigt, man muss sich nur entschließen,von dieser Befähigung auch Gebrauch zu machen – das war ja gerade die Leitideeder Aufklärung. Das ist oft mühsam und bedarf der Übung, doch empfinden wirhäufig ein Gefühl der Befriedigung, wenn wir den Sinnzusammenhang der Dingebesser verstehen.

Und Übungbraucht übrigens auch wieder Zeit, wodurch verständlich wird, warum esbezüglich der Fähigkeiten, Lügen und Manipulationen zu durchschauen, großegesellschaftliche Disparitäten gibt…

Genau. Gerade in dieserHinsicht haben Wissenschaftler eine besondere gesellschaftliche Verpflichtung.Sie sind geübt in der Beschaffung von Informationen und im Umgang mitInformationen. Sie verstehen zumeist, ihr Wissen in Rede und Schrift zuvermitteln. Und sie sind, oder sollten eigentlich, schon aus beruflichem Ethosder Wahrheit verpflichtet sein. Daraus ergibt sich eine gesellschaftlicheVerantwortung, sich nicht zu scheuen, sich nötigenfalls auch mit der Macht undden ihr dienenden Ideologien anzulegen.

Die Realität sieht leideranders aus. Das liegt natürlich auch, nicht nur an den Universitäten, an denKarrieremechanismen. Verständlicherweise stoßen gerade imgesellschaftspolitischen Bereich ein Aussprechen der Wahrheit und dieKonsequenzen unserer natürlichen Neugierde und Freude an Autonomie nicht bei allenauf Begeisterung. Wenn wir nämlich die Dinge besser verstehen, könnte es japassieren, dass wir beginnen, Fragen zu stellen, die den Status des jeweiligenEstablishments gefährden könnten.

Daherhat in jeder Gesellschaft und in jedem Bereich einer Gesellschaft dasEstablishment ein Interesse daran, dass Ausbildungsinstitutionen und Medien dieMöglichkeiten eines Erkennens von Sinnzusammenhängen in geeigneten Grenzenhalten. Fragmentierung – ob durch bildungsbürgerliches Wissen, durch eine PISA-orientierte Schulausbildung, durch ein “kompetenzorientiertes“ Studium oder durch Medien –ist also in diesem Sinne keineswegs Zufall, sondern ein beabsichtigter Prozess,eine Art Herrschaftsinstrument.

 

Hat dieBologna-Reform an den Hochschulen dieses Problem womöglich noch weiterverschärft? Ich hatte vor einigen Jahren einmal auf den NachDenkSeitenargumentiert, die aktuellen Reformen seien wohl selbst als Herrschaftsinstrument beziehungsweiseEtablierung neuer Herrschaftsmechanismen im Bildungsbereich zu verstehen…

Ja,das hat sie, und zwar in einem Umfang und mit einer Systematik, wie wohl keinanderes Ereignis in der Geschichte der Bildung und Ausbildung. Im Gefolge derneoliberalen “Revolution von oben“ wurde auch das gesamte Bildungssystemökonomischen Kategorien unterworfen. Die Aufgabe derUniversität besteht nun in der marktkonformen Produktion von “Humankapital“.

Dazukorrespondierend besteht die Aufgabe der Studierenden darin, ihre“Fremdverwertbarkeitskompetenz“ zu optimieren, um so flexibel auf demArbeitsmarkt verwertbar zu sein. Die Verinnerlichung einer solchen Haltung unddie Unterwerfung unter sie werdendann als “Selbstverwirklichung“ bezeichnet. Eine solche Pervertierung der Ideeeiner Entfaltung eigener Neigungen und Fähigkeiten führt zwangsläufig zugeistiger und psychischer Fragmentierung der Studierenden und auch zu großenZukunftsängsten. Beides beeinträchtigt aus naheliegenden Gründen dieMöglichkeit und die Bereitschaft, Dinge zu hinterfragen und führt zu Entpolitisierung, ja, politischerLethargie…

Das Gefühlvon politischer Ohnmacht, oft verbunden mit latenter Verzweiflung oder gar Wut,scheint allerdings nicht nur unter Studierenden weit verbreitet zu sein,sondern aktuell geradezu zu grassieren; in fast jedem Milieu…

Ja, und das ist auch keinWunder. Denn das Ausbildungssystem ist nur ein Aspekt der sehr vielweitreichenderen und tiefergehenden aktuellen Indoktrinationssysteme. Da dieseim Wortsinne inhuman sind, also Zielen dienen, die der Natur unseres Geistesund somit der Natur des Menschen zuwiderlaufen, gehen sie fast zwangsläufig mitgewaltigen psychischen Folgekosten einher.

DieseIndoktrinationssysteme könnte man als neoliberale Indoktrinationssystemebezeichnen. Der Neoliberalismus zielt ja gerade darauf, Konsumenten zuproduzieren, die in einer sozial atomisierten Gesellschaft nur noch alsKonsumenten eine soziale Identität finden. Im pervertierten Freiheitsbegriffdes Neoliberalismus bezieht sich die “Freiheit“ einer Person darauf, dass siesich den Kräften des “freien Marktes“ zu unterwerfen hat, also von allengesellschaftlichen und sozialen Banden “befreit“ und somit sozial undgesellschaftlich entwurzelt ist. Scheitert sie auf dem “Markt“, so darf siedafür nicht gesellschaftliche Verhältnisse verantwortlich machen, sondern mussdies ihrem individuellen Versagen zuschreiben. Eine solche Haltung kann siejedoch nur um den Preis psychischer Deformationen, insbesondere sozialer Ängsteund Depressionen, einnehmen.

Durchentsprechende Indoktrinationssysteme kann man Menschen auch ohne Knebel zumSchweigen und zum Verstummen bringen, sie ihrer “gesunden“ Gegenwehr gegenkrankmachende Verhältnisse weitestgehend berauben.

Wie es dergute Bert Brecht einmal sagte: „Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einemein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einerKrankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durchArbeit zu Tode schinden, einen zum Suizid treiben, einen in den Krieg führenusw. Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten“…

Nicht nur das. Man kanneinen Menschen auch auf verschiedene Arten beeinflussen, ängstigen,manipulieren, verschrecken und dazu bringen, sich Einflüssen zu unterwerfen,die seinen vitalen Interessen diametral entgegenstehen. Nur, dass das ebennicht folgenlos bleibt.

Eswurde ja schon früher aufgezeigt, dass der Kapitalismus ein besonders hohes Maßpsychischer Störungen mit sich bringt. Für die Gegenwart haben RichardWilkinson und Kate Pickett dies in ihrem Buch „Gleichheit ist Glück“ noch einmal akribischanhand einer Fülle quantitativer Daten aufgezeigt.

Gesellschaftlichverursachte Störungen wendet der Neoliberalismus nun aber perverserweise gegendas Individuum selbst, das nun dem Zwang unterworfen wird, sich durch geeigneteMaßnahmen selbst besser fremdverwertbar zu “gestalten“. Das gilt für jede Artvon Verhalten, das unverträglich mit der gewünschten Rolle eines Konsumentenist.

Daher finden wir mitwachsendem Einfluss neoliberalen Denkens auch eine zunehmende Tendenz zuDisziplinierungsinstrumenten, etwa eine Tendenz zum “therapeutischen Staat“ undauch ein Anwachsen einer privaten Gefängnisindustrie. Unter allen Nationenweltweit sitzt in den USA der höchste prozentuale Anteil der Bevölkerung imGefängnis. Die US-Bevölkerung macht 4,4 Prozent der Weltbevölkerung aus, stelltjedoch 22 Prozent aller Gefangenen weltweit.

Da der Neoliberalismusnur in dem Maße wirkmächtig sein kann, wie es ihm gelingt, Menschen ihreneigenen Interessen und ihren sozialen Zugehörigkeiten zu entfremden, benötigter geeignete Disziplinierungsinstrumente, um die psychischen und sozialenFolgen dieser Entfremdung unter Kontrolle zu halten.

Lassen Sieuns kurz zu den Kategorien Ihrer und unserer Kritik sprechen. Was genauverstehen Sie denn eigentlich unter „Neoliberalismus“? Was meint, wasbeschreibt das für Sie?

NeoliberalesDenken entstammt vielen und sehr heterogenen Quellen. Als eine einheitlicheökonomisch-gesellschaftliche Konzeption gibt es “den“ Neoliberalismus nicht. Esgibt jedoch den politisch organisierten und wirkmächtigen Neoliberalismus, alsoden real existierenden Neoliberalismus.

Dessenideologische Konzeption lässt sich relativ leicht als das charakterisieren, wasvon den Eliten in den Medien – unterstützt durch propagandistische Think Tankswie die Bertelsmann-Stiftung, die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, dasInstitut der deutschen Wirtschaft und andere – und durch diewirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten verbreitet wird. Die Codewörterhierfür sind hinreichend bekannt; typische Beispiele für den neoliberalen “Neusprech“ sind:„Liberalisierung“, „Reformen weiter treiben“, „Bürokratie abbauen“ oder„Austerität“.

DieserIdeologie sucht man einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben durch geeignete„ökonomische Theorien“, wie sie in denSeminarräumen wirtschaftswissenschaftlicher Fakultäten dargeboten werden. DieseTheorien beruhen aber auf theoretischen Absurditäten, auf Gebilden einerletztlich durch Umverteilungsbedürfnisse getriebenen intellektuellen Phantasie.Nämlich der Phantasie eines sich rational selbstregulierenden, “freienMarktes“, auf dem das Fiktionswesen Homo oeconomicus agiert– also der rationale und nutzenmaximierende Mensch, der über Kenntnisse allerdenkbaren Entscheidungsoptionen verfügt und zugleich alle Konsequenzen seinesHandelns überschauen kann.

Da die fundamentaleUnangemessenheit einer solchen Konzeption des menschlichen Geistes für jeden,dessen Blick nicht ideologisch getrübt ist, sofort erkennbar ist, deklariertman diese Konzeption als ein idealisiertes mathematisches Modell, das dann denVorteil hat, alle offenkundigen Diskrepanzen zur Realität mit derGeschmeidigkeit scholastischer Denkgebäude durch geeignete Zusatzannahmen insich aufnehmen zu können.

Alsökonomische Theorie weist der Neoliberalismus so viele interne Widersprüche undInkonsistenzen auf, dass er längst daran hätte zugrunde gehen müssen – er isteine Art intellektueller Pathologie. Das wurde von ökonomischen Experten wiederund wieder aufgezeigt. Jüngst haben Philip Mirowski – in seinem Buch „Untote leben länger: Warum derNeoliberalismus nach der Krise noch stärker ist“ – und Wendy Brown – in„Die schleichende Revolution: Wie derNeoliberalismus die Demokratie zerstört“ dies noch einmalrekapituliert und aus unterschiedlichen Perspektiven aufbereitet. Aber auchhier wird wohl der Effekt wieder nahe bei Null liegen, denn der Neoliberalismusist völlig immun gegen Argumente, ihm genügt es, dass er politisch wirkmächtigist.

Da hat dieWissenschaft, zumindest in diesem Bereich, ja offenbar die Rolle übernommen,die früher von der Kirche ausgeübt wurde: Wissenschaft als Religionsersatz. ImDienste der jeweils materiell herrschenden Macht und deren ideologischerLegitimation… Können Sie für die genannten Widersprüche denn bitte einkonkretes Beispiel ausführen? Was meinen Sie genau?

Nun,der fundamentale Widerspruch, zumindest im real existierenden Neoliberalismus,ist der zwischen dem in der neoliberalen Rhetorik so vielbesungenen “freienMarkt“ und der Tatsache, dass der Neoliberalismus vor nichts eine größere Angsthat als vor einem wirklich freien Markt. Der “freie Markt“ ist nur für dieökonomisch Schwachen, ob Personen oder Staaten, gedacht, während die ökonomischStarken, insbesondere Großkonzerne, durch staatliche Interventionen vorebendiesen Kräften zu schützen sind. Der Neoliberalismus benötigt also fürseine eigentlichen Ziele, nämlich die einer Umverteilungund beständigen Akkumulation, ganz wesentlich den starken Staat, der die“Marktfreiheit“ in seinem Sinne reguliert.

Ein Beispiel mitgravierenden Folgen sind die Agrarsubventionen. Die USA und die EUsubventionieren ihre Landwirtschaft mit etwa 1 Milliarde Dollar pro Tag. Würdendie reichen Länder diese Eingriffe in den „freien Markt“ abbauen, könnten dieEntwicklungsländer ihre Agrarexporte um mehr als 20 Prozent und das Einkommender ländlichen Bevölkerung um etwa 60 Milliarden Dollar pro Jahr erhöhen – einBetrag, der größer ist als die gesamte Entwicklungshilfe der EU. Hinzu kommenEinfuhrbeschränkungen und andere Hürden, durch die die EU und die USA ihreMärkte gegen Importe aus Entwicklungsländern abschotten. Zugleich wird armenNationen das Recht genommen, ihre Wirtschaft selbst zu gestalten. Die armenLänder müssen sich der „Marktdisziplin“ unterwerfen und ihre Märkte fürtransnationale Konzerne öffnen, für die sie dann ein Reservoir billigerArbeitskräfte und Rohmaterialien werden, die reichen Länder betreibenProtektionismus. So sieht die Realität des „freien Marktes“ aus.

Inder Tradition neoliberalen Denkens gibt es jedoch auch Varianten, die die Ideedes freien Marktes wirklich ernstnehmen und jede Art staatlicher Intervention ablehnen, etwa Murray Rothbardoder in dessen Gefolge Walter Block und Hans-Hermann Hoppe. Diesen neoliberalenDenkern zufolge stellen auch Kinder nur eine Form von Eigentum dar und dürftensomit auf dem freien Markt verkauft werden; zudem dürfe der Staat Elternbeispielsweise keine rechtliche Verpflichtung auferlegen, ihr Kind mit Nahrungzu versorgen.

Diese Denksysteme mögen –sieht man einmal von der Beliebigkeit und Absurdität ihrer Prämissen ab – alsintellektuelle Übungsaufgabe eine gewisse innere Konsistenz aufweisen. Sie sindinsofern lehrreich, als sie die Idee eines durch keine moralischen “Hemmnisse“begrenzten, radikal freien Marktes zu ihrer logischen, zutiefst inhumanenKonsequenz führen. Nicht einmal die Reichen würden in einer solchen Dystopieeiner Gesellschaft leben wollen.

Kurz: Der realexistierende Neoliberalismus ist eigentlich seit je intellektuell bankrott.Dennoch ist er – als eine Art “Hausphilosophie“ der Reichen und Großkonzerne –politisch äußerst wirkungsmächtig.

Es gibtNeoliberalismus-Kritiker, wie Jamie Peck, die der Auffassung sind, dass derNeoliberalismus sein Gehirn schon lange verloren hat und sich nur seine Gliedernoch reflexartig und zunehmend erratisch über den Globus bewegen. Zwangsläufigmüsse er dabei immer autokratischere Züge annehmen.

Es gibt ja mittlerweilein dem globalen neoliberalen Feldexperiment reiche Erfahrungsdaten, die zeigen,dass der Neoliberalismus nicht nur die von ihm deklarierten Ziele – wie etwaWachstum zu erzeugen oder den allgemeinen Wohlstand zu erhöhen – verfehlt.Besonders in der sogenannten Dritten Welt, und zunehmend auch in Europa, sindseine Folgen offenkundig. Jean Ziegler, der ehemalige UN-Sonderberichterstatterfür das Recht auf Nahrung, stellt dazu fest: „Der deutsche Faschismus brauchtesechs Kriegsjahre, um 56 Millionen Menschen umzubringen – die neoliberaleWirtschaftsordnung schafft das locker in gut einem Jahr.“

Der Neoliberalismuserzeugt weltweit ein Desaster nach dem anderen. Aus jedem Desaster kommt erjedoch – in scheinbar paradoxer Weise – gestärkt hervor und wird sogleichwieder als “Therapie“ empfohlen. Offensichtlich nährt der Neoliberalismus nichtnur Krisen, sondern er nährt sich geradezu von Krisen und schlägt dabei nochaus seinen inneren Widersprüchen und Inkonsistenzen Kapital. Das wirftinteressante Fragen nach seinen eigentlichen Zielen auf.

Da mussich an David Harvey denken, dessen wunderbare „Kleine Geschichte desNeoliberalismus“ folgender Klappentext ziert: „Längstkritisieren auch bekannte Wirtschaftswissenschaftler wie Joseph Stiglitz,ehemaliger Chefökonom der Weltbank, die ‚Auswüchse‘ des Neoliberalismus undbeklagen die wachsende soziale Ungleichheit als dessen unerwünschtes Nebenprodukt.Falsch, sagt David Harvey: Weshalb kommt diesen Leuten denn ‚nie der Gedanke,dass die soziale Ungleichheit womöglich von Anfang an der Zweck der ganzenÜbung war‘? Die neoliberale Wende, so Harvey, wurde in den 70er-Jahren zu demalleinigen Zweck eingeleitet, die Klassenmacht einer gesellschaftlichen Elitewiederherzustellen, die befürchtete, dass ihre Privilegien nachhaltigbeschnitten werden könnten“…

Das ist genau derentscheidende Punkt. Nur wenn wir uns das klarmachen, können wir die politischeWirksamkeit dieser intellektuell bankrotten Ideologie verstehen. Tatsächlichzielt der Neoliberalismus gar nicht auf “freie Märkte“. Er zielt vielmehr aufeine radikale Umverteilung, und zwar von unten nach oben, von der öffentlichenin die private Hand und von Süd nach Nord.

Umdas zu erreichen, muss er die ökonomisch Schwachen, seien es Individuen oderStaaten, ohne jeden Schutz den Kräften des “Marktes“ überlassen und zugleichdafür sorgen, dass den ökonomisch Starken durch einen starken Staat geeigneteRahmenbedingungen für eine Kapitalvermehrung bereitgestellt werden. DerNeoliberalismus, der immer bereit ist, staatliche Interventionen in dieWirtschaft, als sozialistisch geißeln, ist in Wahrheit eine ArtNeoliberalsozialismus, ein Sozialismus für die Reichennämlich, die er durch staatliche Regelungen vor den Marktkräften zu schützensucht.

Er ist eine Revolutionder Reichen gegen die Armen. Da die Armen aber die Mehrheit bilden, istnatürlich besonders in Demokratien eine solche Revolution mit Risiken behaftet.Es hilft daher außerordentlich, wenn man die Bevölkerung atomisiert, allesozialen Bewegungen fragmentiert und partikularisiert und zugleich alsNutznießer der Umverteilung ein neues Klassenbewusstsein entwickelt.

Genau dies ist in den vergangenenJahren sehr erfolgreich geschehen. Warren Buffets diesbezügliche Bemerkung von2006 – „Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasseder Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen” – ist dabei nur in derOffenheit, nicht jedoch in der Sache als Ausrutscher zu verstehen. DasKampflied in diesem Klassenkampf ist die Mär von den Segnungen eines “freienMarktes“, zu dessen Entfaltung alle staatlichen Interventionen abzubauen seien.Der Neoliberalismus würde natürlich bestreiten, dass er ein Krieg der Reichengegen die Armen ist; und mit Recht könnte er dabei darauf verweisen, dass er jaschließlich ganz unparteiisch Reichtum und Armut gleichermaßen fördert.

Global kontrollieren die500 größten Konzerne mittlerweile mehr als 50 Prozent desWeltbruttosozialprodukts. Die 85 reichsten Personen der Welt besitzen, wieOxfam jüngst mitteilte, mehr als die ärmsten 50 Prozent der Weltpopulationzusammen, also als die ärmsten 3,6 Milliarden Menschen auf dieser Welt. Undbald werden die reichsten ein Prozent mehr als die Hälfte des Gesamtreichtumsder Welt besitzen. Auch dies ist, so die neoliberale Mär, ein von niemandemabsichtlich herbeigeführter, also auch von niemandem zu verantwortender Effektder rationalen Naturgesetzlichkeiten des “freien Marktes“.

Werdies kritisiert, bezeugt damit nur sein völliges Unverständnis dessen, wasNaturgesetzlichkeiten sind. Denn auch zu denen gibt es ja keine Alternative.
Der Neoliberalismus ist – nach dem europäischen Kolonialismus – das größteglobale Umverteilungsprojekt der Geschichte. Da ist kaum überraschend, dass esbeträchtlicher Indoktrinations- und Disziplinierungsanstrengungen bedarf, umdie Bevölkerung gegen ihre tatsächlichen Erfahrungen und gegen ihre eigenenInteressen dazu zu bringen, dieses Kampflied hinzunehmen und sogar darineinzustimmen.

Bitteführen Sie das doch ein wenig aus. Von welchen „Indoktrinationsmechanismen“reden wir hier? Was meinen Sie damit?

Nun,in einer Demokratie ist es wichtig, dass das eigentliche Ziel einer Umverteilungvon unten nach oben für die Bevölkerung durch eine geeignete Indoktrinationverdeckt und unsichtbar gemacht wird. Das ist hier nicht anders als etwa beihegemonialen und imperialen Interessen, die für die Bevölkerungdurch eine Rhetorik von “humanitärer Intervention“ oder “Demokratieförderung“verdeckt werden.

In Demokratien wäre derNeoliberalismus politisch nicht überlebensfähig, wenn es ihm nicht gelänge, dieKöpfe zu erobern und die öffentliche Meinung in seinem Sinne zu formen und zukontrollieren. Dies kann nur auf der Basis von Indoktrinationssystemen geschehen,die psychologisch äußerst ausgefeilt sind und alle Bereiche unseres Lebensdurchziehen.

DieGrundlagen für solche Indoktrinationssysteme werden seit je durch bereitwilligeIntellektuelle bereitgestellt, die eher den Interessen der Mächtigen verpflichtetsind als der Wahrheit und die dafür in geeigneter Weise gefördert und belohntwerden. Stiftungen, “Denkfarmen“ oder “Think Tanks“ und NGO’s kommt dabei einekaum zu überschätzende Bedeutung zu. Stiftungen und durch siegeförderte NGO’s haben im Neoliberalismus eine ganz zentrale Bedeutung, weilwirtschaftliche Eliten steuerbegünstigt privaten Reichtum in politische Machtumwandeln können, die sie dann mit dem Anstrich der Gemeinnützigkeit und Philanthropieveredeln.

Wie läuftdas ab, welche konkreten „Mechanismen“ gibt es da? Wie manipuliert man unsgenau?

Es ist tatsächlich sehrschwer, sich von der Breite und von der Tiefe dieser Indoktrinationssystemeüberhaupt eine Vorstellung zu bilden. Die Indoktrinationssysteme, die derNeoliberalismus entwickelt hat, sind die ausgefeiltesten undwirkungsmächtigsten, mit denen je eine politische Ideologie verbreitet wurde.Sie sind inzwischen so tief in allen Bereichen des gesellschaftlichen und auchprivaten Lebens verankert, dass sie uns kaum noch auffallen. Sie stellen ganzeLebensformen und Weltsichten dar, wie sie im Wesentlichen durchUS-amerikanische Eliten geprägt wurden und nicht zuletzt durch die Kultur- undUnterhaltungsindustrie als Selbstverständlichkeiten vermittelt werden. Dieklassische Propaganda der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die bereits sehrwirkmächtig war, wirkt gegen diese neoliberalen Indoktrinationssysteme schlichtund geradezu naiv.

Dabeinutzt der Neoliberalismus das ganze Arsenal von Methoden und Strategien, die imBereich gesellschaftlicher Manipulationstechniken bereits im klassischenKapitalismus entwickelt worden sind. Also etwa die Möglichkeit,Fehlidentifikationen zu erzeugen, Konsumismus, Meinungsmanipulation durch Medienetc. Doch sind all diese Techniken enorm verfeinert worden und sind zumeistkaum noch als Indoktrinationstechniken erkennbar. Sie sind tief in allenMechanismen der Herstellung von öffentlicher Meinung verankert – nicht nur inPolitik, Medien oder politischen Stiftungen, sondern bis in den Erziehungs- undKulturbereich. Gute Indoktrination, das war schon den Pionieren der Propagandaklar, darf nicht als solche erkennbar sein und muss geradezuals Selbstverständlichkeit oder Ausdruck des gesunden Menschenverstandeserscheinen.


 

„Wasweiß ich schon von mir, wenn ich nicht weiß, dass das Bild, das ich von mirselbst habe, zum größten Teil ein künstliches Produkt ist und dass die meistenMenschen – ich schließe mich nicht aus – lügen, ohne es zu wissen? Was weißich, solange ich nicht weiß, dass ‚Verteidigung‘ Krieg bedeutet, ‚Pflicht‘Unterwerfung, ‚Tugend‘ Gehorsam und ‚Sünde‘ Ungehorsam? Was weiß ich, solangeich nicht weiß, dass die Vorstellung, dass Eltern ihre Kinder instinktivlieben, ein Mythos ist? Dass Ruhm nur selten auf bewundernswerte menschlicheQualitäten und häufig nicht auf echte Leistungen gründet? Dass dieGeschichtsschreibung verzerrt ist, weil sie von den Siegern geschrieben wird?Dass betonte Bescheidenheit nicht unbedingt ein Beweis für fehlende Eitelkeitist? Dass Liebe das Gegenteil von heftiger Sehnsucht und Gier ist? Was weiß ichschon von mir, wenn ich nicht weiß, dass jeder versucht, schlechte Absichtenund Handlungen zu rationalisieren, um sie edel und wohltätig erscheinen zulassen? Dass das Streben nach Macht bedeutet, Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebemit Füßen zu treten? Dass die heutige Industrie-Gesellschaft vom Prinzip derSelbstsucht, des Habens und des Konsumierens bestimmt ist und nicht von denPrinzipien der Liebe und Achtung vor dem Leben, die sie predigt? Wenn ich nichtfähig bin, die unbewussten Aspekte der Gesellschaft, in der ich lebe, zuanalysieren, kann ich nicht wissen, wer ich bin, weil ich nicht weiß, inwelcher Hinsicht ich nicht ich bin.“
Erich Fromm

„Esist hohe Zeit, nicht nur von den großen Kriegen zu sprechen, sondern auch vondem kleinen Krieg, der den Alltag verwüstet und der keinen Waffenstillstandkennt: von dem Krieg im Frieden, seinen Waffen, Folterinstrumenten und Verbrechen,der uns langsam dazu bringt, Gewalt und Grausamkeit als Normalzustand zuakzeptieren. Krankenhäuser, Gefängnisse, Irrenhäuser, Fabriken und Schulen sinddie bevorzugten Orte, an denen dieser Krieg geführt wird, wo seine lautlosenMassaker stattfinden, seine Strategien sich fortpflanzen – im Namen derOrdnung. Das große Schlachtfeld ist der gesellschaftliche Alltag. Was heißtdas? Krankenhäuser und Pharmazeutika-Betriebe sind Quellen der Zerstörung.“
Franco Basaglia

„Diewissenschaftliche Funktion des Soziologen besteht (…) darin, die Gesellschaftin Frage zu stellen und sie dadurch zu zwingen, sich selbst zu verraten.Diejenigen aber, die im Namen des Ideals der ethischen Neutralität (…) daraufverzichten, der Gesellschaft jene Fragen zu stellen, die sie in Frage stellenkönnten, verraten die Wissenschaft: (…) Die Behauptung, der Soziologe könneseine Einstellung zur Gesellschaft frei wählen, verschweigt, dass dieSozialwissenschaften nur solange in der Illusion der Neutralität leben können,wie sie nicht wahrhaben wollen, dass ihre Enthüllungen oder ihr Verschweigenimmer jemandem dienen: entweder den Nutznießern oder den Opfern derSozialordnung.“
Pierre Bourdieu

„DieIntellektuellen dienen der herrschenden Klasse als ‚Angestellte‘. Sie sind fürdie Vielzahl subalterner Aufgaben der gesellschaftlichen Hegemonie und derpolitischen Regierung zuständig, das heißt 1. für die ‚spontane‘ Zustimmung dergroßen Masse der Bevölkerung zum gesellschaftlichen Leben der herrschendenHauptgruppe, eine Zustimmung, die sich ‚historisch‘ aus dem Prestige (…)ableitet, das der herrschenden Gruppe aufgrund ihrer Position und Funktion imProduktionsbereich zufällt; und 2. für den staatlichen Zwangsapparat, der‚gesetzlich‘ die Disziplinierung der Gruppen sicherstellt, die aktiv oderpassiv ‚die Zustimmung verweigern‘ – dieser Apparat ist aber für die gesamteGesellschaft geschaffen, in Voraussicht von Herrschafts- und Führungskrisen, indenen die ‚spontane‘ Zustimmung nachlässt.“
Antonio Gramsci

„Nurwenn wir uns entschließen, uns unseres Verstandes zu bedienen und unsereinduzierte moralische Apathie überwinden, und nicht mehr bereit sind, dieIllusion der Informiertheit, die Illusion der Demokratie, die Illusion derFreiheit, uns mit diesen Illusionen zufrieden zu geben, haben wir eine Chance,diesen Manipulationstechniken zu entgehen.“
Rainer Mausfeld


 

Können Siekonkrete Beispiele für Verfeinerungen nennen?

Das würde in rechttechnische Bereiche der Psychologie führen. Unabhängig von solchen konkretenBefunden ist es jedoch grundsätzlich wichtig, sich klarzumachen, dass sich inder Operationsweise unseres Geistes eine Vielzahl von kognitiven, affektivenund sozialen Dispositionen findet, die sich für eine Meinungs-, Gefühls- undVerhaltenssteuerung nutzen lassen.

In einemManipulationskontext kann man sie also als Schwachstellen ansehen, diegleichsam als “Hintertüren“ zu den Mechanismen unseres Geistes wirken, durchdie man, ohne dass wir es bemerken, unsere Aufmerksamkeit lenken sowie unserDenken und Fühlen beeinflussen, unsere Empörung auslösen oder auch verstummen lassenkann.

Manipulationstechnikensitzen also gleichsam parasitär auf Schwachstellen unseres Geistes auf. Siesind dabei stets so beschaffen, dass sie das Scheinwerferlicht unseresBewusstseins unterlaufen, also von uns praktisch nicht bemerkt werden, so dasses uns auch schwer fällt, uns gegen sie zu schützen.

All das ist in derWissenschaft – und damit im Effekt auch den herrschenden Eliten – bekannt, kaumjedoch in der Öffentlichkeit. Diese folgenschwere Asymmetrie des Wissens umManipulationsschwachstellen unseres Geistes muss dringend beseitigt werden. Wirhaben nur dann eine Chance, uns gegen derartige Manipulationen zur Wehr zusetzen, wenn wir uns bewusst werden, auf welche unserer Schwachstellen solcheManipulationen zielen.

Auch wenndas in Summe sicher zu sehr in Details führen würde… Aber können Sie vielleichtein konkretes Beispiel für eine solche Schwachstelle für Manipulationen, fürden Ablauf und die Wirkung derselben, skizzieren?

Inden vergangenen Jahrzehnten haben sich die politischen Eliten verstärkt darumbemüht, entsprechende Einsichten und Befunde psychologischer Forschung für ihreZwecke politisch nutzbar zu machen, indem man „sanfte“ Herrschaftstechniken zuentwickeln sucht, mit denen man Menschen gleichsam einen „Schubs“ in die gewünschteRichtung geben kann.

Ich will versuchen, einBeispiel zu nennen, das sich im Kern relativ einfach beschreiben lässt, nämlichunsere natürliche Disposition zu Verzerrungen unserer Urteile über die jeweilsgegebene gesellschaftliche Situation. Diese Verzerrungen werden in derwissenschaftlichen Literatur als „status quo bias“ bezeichnet. Sie sind in derPsychologie gut untersucht, sind von hoher gesellschaftlicher Relevanz undlassen sich über eine Reihe von Variablen modifizieren und steuern, alsomanipulieren. Sie beziehen sich auf unsere natürliche Neigung, den jeweiligenZustand der Gesellschaft, in der wir leben, als gut, gerecht, moralischlegitim, erstrebenswert usw. anzusehen.

Wir neigen dazu, dengesellschaftlichen Status quo allen Alternativen vorzuziehen, und zwar auchdann, wenn diese objektiv besser sind. Wir sind unserer Natur nach Anhänger desStatus quo. Das gilt natürlich nicht für jede einzelne Person, doch ist es inder Tendenz ein stabiles Phänomen, das sich in allen Gesellschaften nachweisenlässt. Eine solche psychische Disposition ist in der Regel – und solange sienicht von außen manipuliert wird – eine durchaus wünschenswerte Eigenschaft fürdie Organisation unseres Zusammenlebens. Sie geht, wie viele psychologischeStudien gezeigt haben, mit weiteren psychologischen Tendenzen einher, dieebenfalls hohe gesellschaftliche Relevanz haben. Beispielsweise sind wir immerbereit, die Nachteile des Status quo kleinzureden und Geschichten zu erfinden,die seine Nachteile in einem günstigeren Licht erscheinen lassen. Damiteinhergehend haben wir eine Neigung, den gesellschaftlichen Opfern des Statusquo selbst die Schuld für ihre Situation zu geben. Zugleich neigen wir dazu,diejenigen eher negativ einzuschätzen, die den Status quo verändern wollen.

Wie stark diese Neigungzur Verteidigung des Status quo ausgeprägt ist, hängt von einer Vielzahl vonkognitiven, affektiven und sozialen Variablen ab. Beispielsweise wird sieerhöht durch Ängste und das Gefühl von Unsicherheit und Bedrohung. Ebenso wirdsie erhöht, wenn man von einem bewussten Nachdenken systematisch abgelenkt wird– sei es durch Zeitdruck oder Darbietung irrelevanter Themen – oder wennstereotype und schlichte Begrifflichkeit für eine kognitive Einordnung dergesellschaftlichen Verhältnisse vorgegeben wird. Ebenso erhöht sich tendenzielldiese Neigung, wenn eine Situation als unausweichlich empfunden wird. All dieseVariablen lassen sich relativ einfach von außen manipulieren, ohne dass unsdiese Manipulationen überhaupt bewusst werden. Dadurch bieten derartigeVariablen ein sehr wirkungsvolles Einfallstor, um die Status quo-Neigung derBevölkerung im gewünschten Sinne zu manipulieren.

In dieser Hinsicht bietetder Neoliberalismus eine für seine Ziele sehr vorteilhafte Kombinationderartiger Einflussvariablen: Kognitiv basiert er auf einer sehr schlichtenBegrifflichkeit – „Märkte öffnen“, „Strukturreformen durchführen, „Bürokratieabbauen“ etc. – und nutzt zugleich eine geradezu überwältigende Fülle vonMöglichkeiten, durch die sich Personen von einem tieferen Nachdenken übergesellschaftliche Verhältnisse ablenken lassen. Die meisten Themen in denMassenmedien dienen genau hierzu. Und affektiv geht er einher mit einem durchdie Lebensverhältnisse bedingten hohen Maß an Zeitdruck, Stress und sozialenÄngsten sowie mit einem Gefühl der Unausweichlichkeit; denn in seinerNaturgewalten-Metaphorik kann es natürlich zu den „Naturgesetzlichkeiten“ desMarktes keine Alternativen geben. Diese Determinanten lassen sich, wenn man indie Details einzelner Variablen geht, noch sehr viel feiner gestalten und ihreEffekte optimieren. Über all dies lassen sich die nachteiligengesellschaftlichen Folgen des Status quo kognitiv „unsichtbar machen“, sodassder Status quo stabilisiert wird und das Bedürfnis nach Alternativenverkümmert.

Und welcheRolle spielen denn die Medien im Kontext dieser Indoktrination?

Naheliegenderweise eineganz zentrale. Sie sind im Wortsinne das Medium der Indoktrination. Das istwieder und wieder in aller Breite und Tiefe untersucht werden. Noam Chomsky hatja bei der Beschreibung und Analyse von Indoktrinationssystemen und der Rolleder Medien Pionierarbeit geleistet. Die Leitmedien sind wiederum personell wieideologisch eng mit Think Tanks, Stiftungen und “relevanten“ politischen undökonomischen Kreisen verbunden, so dass sich das neoliberaleIndoktrinationssystem gleichsam durch sich selbst stabilisiert.

Die neoliberaleIndoktrination wird ja dadurch erleichtert, dass der real existierendeNeoliberalismus eine besonders radikale Möglichkeit einer Komplexitätsreduktionanbietet. Man kann sich sein Mantra ideologisch rasch aneignen. Wenn man erstden neoliberalen Jargon beherrscht – “Bürokratie abbauen“, „Reformenweitertreiben“ etc. -, benötigt man für eine hohe Meinungskonfidenz keinenbesonderen ökonomischen Sachverstand mehr. Das macht den real existierendenNeoliberalismus für Journalisten und andere aus dem meinungsbildenden Gewerbeso attraktiv. Mit ihm kann man sich in gleichsam vorauseilendem Opportunismusden Herrschenden andienen und so zumindest symbolisch ein Stückchen an derMacht partizipieren.

Dieser Opportunismus istvorauseilend, weil er nicht nur konkret geäußerte Erwartungen der herrschendenEliten erfüllt, sondern sich zudem vorstellt, welche Erwartungen die Elitendarüber hinaus noch haben könnten. Er sucht also zu erfühlen undauszuformulieren, was die herrschenden Eliten eher instinktiv fühlen alsdenken.

Wenn dieseIndoktrinationsmechanismen so wirkungsvoll sind und so gut in allenmeinungsbildenden Institutionen verankert sind, müssten doch eigentlich offenautoritäre Strukturen überflüssig sein. Warum wird dann immer wieder davorgewarnt, dass der Neoliberalismus zu einer offen autoritären Herrschaftsform zuwerden droht?

Die Warnung istberechtigt, denn eine solche Gefahr ergibt sich zwangsläufig aus dem Wesen undden Zielen des Neoliberalismus. Solange er jedoch seine Ziele innerhalb vonStrukturen erreichen kann, die formal als demokratisch angesehen werden können,also innerhalb einer „marktkonformen Demokratie“, ist dies günstiger. Undinnerhalb dieses Rahmens gibt es noch viel Spielraum bei der Entwicklungverdeckt autoritärer Strukturen.

Besonderswirksam ist dabei eine über undemokratische Mechanismen erfolgteVerrechtlichung von Umverteilungsmechanismen. Das Recht ist ja seit je ein sehrwirkungsvolles Instrument, um gesellschaftliches Unrecht gegen eine Kritikdurch die Bevölkerung zu immunisieren. Schon der europäische Kolonialismus hatmit einem Kolonialrecht seine genozidalen Formen der Umverteilungverrechtlicht.
Der Neoliberalismus ist, will er auf den demokratischen Anschein nichtverzichten, also geradezu darauf angewiesen, dass die Umverteilungsmechanismenvon unten nach oben und von der öffentlichen in die private Hand auf allenEbenen – von der EU bis zu den Kommunen – zunehmend verrechtlicht werden.Besonders die Schaffung eines geeigneten internationalen Rechts ist dabeierfolgversprechend. Daher bemüht sich eine transatlantische Nomenklatura um dieEntwicklung geeigneter internationaler Rechtsnormen wie eben TTIP, TISA, CETAetc. und um deren Umsetzung durch machtvolle neoliberale Institutionen wie denIWF.

Eine Verrechtlichung vongesellschaftlichem Unrecht muss, aus naheliegenden Gründen, unter Ausschlussder Öffentlichkeit, auch der parlamentarischen, erfolgen und jeder Art vondemokratischer Kontrolle entzogen sein. Zusätzlich zu einer Verrechtlichungschafft der Neoliberalismus Mechanismen, durch die sich die von ihm geschütztenMarktteilnehmer, also vor allem die Großkonzerne, bestehenden Rechtsnormenentziehen können. Die Maxime “too big to fail“ hat ja einen tieferen Kern.Nämlich, dass es Verbrechen gibt, deren Wurzeln zu tief mit Grundlagen unsererherrschenden Ordnung verwoben sind und die zu monströs sind, als dass sieinnerhalb der jeweiligen Rechtsordnung überhaupt justitiabel sein könnten.Daher gilt die sogenannte Finanzkrise eben als “Krise“ und nicht als das, wassie tatsächlich ist, nämlich im Wortsinne ein „Kapitalverbrechen“.

Es ist also möglich, denAnschein autokratischer Strukturen dadurch zu vermeiden, dass die Ergebnisseder schleichenden Erosion demokratischer Strukturen in geeigneter Weise soverrechtlicht werden, dass die formale Hülse einer Demokratie für dieBevölkerung intakt erscheint. Diese Art von “sanfter“ und vordergründigdemokratisch legitimierter Autokratie des Kapitals schwebt neoliberalen Denkernvermutlich als ideale Form einer gesellschaftlichen “Konfliktlösung“ vor. DieVerrechtlichung neoliberaler Strukturen stellt also eine Art Samthandschuhunter den Herrschaftstechniken dar, durch den sich offen autokratische Formenerst einmal vermeiden lassen.

Dasbeantwortet aber noch nicht die Frage, warum viele die Sorge haben, dass derNeoliberalismus eine offen autoritäre Form annehmen, also zur eisernen Faustwerden könnte.

Dasist richtig. Zunächst zeigt uns ja die Geschichte, von Chile bis Griechenland,dass der Neoliberalismus, wenn alle “sanften“ Indoktrinations- undDisziplinierungsmechanismen nicht greifen, auch vor autoritären Maßnahmen nichtzurückschreckt. Sein erstes Feldexperiment war schließlich Chile unterPinochet.
Angesichts der brutalen gesellschaftlichen Folgen des Umverteilungsprozessesmuss der Neoliberalismus Reaktionen der Bevölkerung erwarten, die zur Sicherungseiner Stabilität offen autoritäre Maßnahmen erforderlich machen könnten. Erist also darauf angewiesen, die Verfolgung seiner Ziele durch die Entwicklunggeeigneter Disziplinierungsinstrumente bis hin zum Aufbau eines
autoritären Sicherheitsstaates zu flankieren. Dazubedient er sich gerne jeder Art von Bedrohungsszenarien, um in der Bevölkerungdie Bereitschaft zu erhöhen, demokratische Substanz abzuschaffen.

Die Fundamente für einenautoritären Sicherheitsstaat werden ja bereits geschaffen, rechtlich wie auchtechnisch durch den Überwachungsapparat, durch die Vorbereitung einesBundeswehreinsatzes im Innern, durch das Schleifen der strikten Trennung derAufgaben von Polizei, Militär und Geheimdiensten, durch die hartnäckigenVorbereitungsarbeiten namhafter Verfassungs- und Strafrechtler an einem“Feindstrafrecht“ etc. pp..

Renommierte Verfassungs-und Strafrechtler arbeiten bereits seit Langem an den Grundlagen einesSicherheitsstaates und der Entwicklung eines Feindstrafrechtes. Mit einemsolchen Feindstrafrecht können dann Bürger, die als „unsichere Kantonisten“ undals „aktuelle Unpersonen“ anzusehen sind, „kaltgestellt“ werden. Zudem soll inbesonderen Situationen zur Gefahrenabwehr auch eine „Rettungsfolter“ erlaubtsein.

Prominenter Befürworterder Entwicklung eines Feindstrafrechtes ist der Verfassungsrechtler OttoDepenheuer, der auch Ideenlieferant für Wolfgang Schäuble ist. Es istaufschlussreich und nicht zufällig, dass wir sowohl in der Geschichte desNeoliberalismus wie auch in der des autoritären Sicherheitsstaates immer wiederauf die Einflüsse von Carl Schmitt, des „Kronjuristen des Dritten Reiches“,stoßen, so auch hier, bei Depenheuer.

Inder Person von Wolfgang Schäuble laufen die beiden Stränge “Neoliberalismus“und “Sicherheitsstaat“ dann in klar erkennbarer Weise zusammen.
Die rechtlichen Hülsen sind also vorbereitet; sie lassen sich leicht nutzen,wenn die herrschenden Eliten einmal der Auffassung sein sollten, dass bestehendedemokratische Strukturen den “Notwendigkeiten“ des Marktes und den zu seinerSicherung nötigen internationalen “Vereinheitlichungen“ im Wege stehen.

Und wiekönnen wir dem etwas entgegensetzen? Was ist gegen eine solche Entwicklung zutun?

Abgesehen von einigenSelbstverständlichkeiten kann es, denke ich, darauf keine einfachen Antwortengeben. Die Selbstverständlichkeiten beziehen sich vor allem darauf, dass wiralle Blockaden entfernen müssen, die uns darin hindern, einfache, grundlegendeFakten zu erkennen und anzuerkennen. Sodann müssen wir bereit sein, unserenWillen und unsere Entschlossenheit zu artikulieren, inhumane gesellschaftlicheZustände und Strukturen zu ändern.

Das sind, wie gesagt,eigentlich Selbstverständlichkeiten, doch wäre schon viel erreicht, wenn siebeachtet würden. Eine darüber hinausgehende, allgemeine Antwort zu Methoden undZielen kann es nach meiner Überzeugung nicht geben. Das ist ein Prozess, in demim Kontext der jeweiligen gesellschaftlichen Situation Antworten gleichsam vonunten gefunden werden müssen. Wie immer diese Antworten aussehen mögen: Siehaben keine Chance, politisch wirkmächtig zu werden, wenn es nicht gelingt, dietiefgehende Fragmentierung sozialer Beziehungen zu überwinden und einegemeinsame Basis für einen politisch kraftvollen Zusammenschluss sozialerBewegungen zu finden.

Für diese Aufgabe bleibtuns wohl nicht mehr viel Zeit. Die alte Strategie, die gewaltigen sozialen undökologischen Folgekosten des Kapitalismus, besonders seiner neoliberalenExtremform, späteren Generationen aufzubürden, kommt an ihre natürlichenGrenzen. Es bleiben uns wohl nur zwei Möglichkeiten: Wir befreien uns, somühsam es sein wird, aus den Fesseln neoliberaler Indoktrinationssysteme,stellen uns den Fakten und suchen gemeinsam nach Möglichkeiten von Änderungen –die freilich angesichts des ökologischen Zeitdrucks nur radikal sein können.Oder wir machen weiter wie bisher, schweigen und überlassen es nachfolgendenGenerationen über die Gründe unseres Nicht-Handels und unseres Schweigensnachzudenken.

Noch ein letztes Wort?

Ja, eine Gefahr fürdiesen Prozess, Empörung und Unbehagen über gesellschaftliche Verhältnisse inpolitisch wirksamer Weise Ausdruck zu verleihen, möchte ich noch ansprechen.Nämlich die Gefahr, sie dadurch politisch weitgehend wirkungslos zu machen,dass sie sich nicht auf strukturelle Aspekte, sondern allein auf “die da oben“,also auf personelle Aspekte richten.

Bei gesellschaftlichenund politischen Themen ist ja die Perspektive weit verbreitet, den Blick auf “dieda oben“ zu beschränken und sich darüber zu empören, wie man von diesenbetrogen, hintergangen und ausgebeutet wird: “Die da oben“ sind moralischverkommen, verlogen und schamlos auf ihren Vorteil bedacht, sie sind die Täter;wir hingegen sind nur ihre Opfer.

Dasist eine psychologisch nachvollziehbare und politisch durchaus berechtigtePerspektive. Da sie von der überwiegenden Mehrzahl der Bevölkerung in der einenoder anderen Weise geteilt wird, ohne dass sich dies in entsprechender Weise inden Ergebnissen von Wahlen niederschlägt, sollten wir aber darüber nachdenken,ob nicht die politische Wirkungskraft einer solchen Perspektive sehr begrenztist.
In jedem Fall geht eine Beschränkung des Blicks auf “die da oben“ vorbei an derNatur des tatsächlichen Problems, um das es geht, nämlich an den strukturellenund institutionellen Ursachen einer zerstörerischen und inhumanen Wirtschafts-und Gesellschaftsform.

Daherist es aus Sicht der herrschenden Eliten sogar gewollt und erwünscht, dass sichdie Bevölkerung über die Gier von Bankern, die Verlogenheit von Politikern, dieintellektuelle Korruptheit von Journalisten oder die Grausamkeit oder denSadismus von Folterexperten ereifert – also über Eigenschaften vonPersonen, die gerade das Produkt tieferliegender, struktureller Bedingungensind und in deren Kontext geradezuQualifikationsmerkmale darstellen – und dabei die strukturellen undinstitutionellen Ursachen und somit die eigentlichen Zentren der Macht aus demBlick verliert!
Unsere vordringliche Aufgabe ist es daher, Einsichten in diese strukturellenBedingungen zu gewinnen.

Dazugehört auch, das Wesen und die eigentlichen Ziele des Neoliberalismus zuverstehen. Dann aber müssen wir den Blick auch auf uns richten und uns fragen,warum wir auf ein totalitäres Denksystem mit sozerstörerischen Folgen nicht mit einer angemessenen moralischen Empörung undentsprechenden Handlungskonsequenzen reagieren. Solange die herrschenden Elitensehr viel mehr Wissen über uns, über unsere natürlichen Bedürfnisse, Neigungenund unsere Schwachstellen für eine Manipulierbarkeit verfügen als wir selbst,solange werden sie über uns eine Form der unsichtbaren Herrschaft ausübenkönnen, gegen die wir uns kaum wehren können. Den Blick auf uns zu richten,bedeutet zugleich zu erkennen – und das ist ganz im Sinne der Aufklärung –,dass wir es sind, die für unser Handeln undNicht-Handeln und für die Gesellschaft, in der wir leben, verantwortlich sind.

Ichbedanke mich für das Gespräch.


 

RainerMausfeld,geboren 1949, studierte Psychologie, Mathematik und Philosophie in Bonn. Er istProfessor für Allgemeine Psychologie an der Christian-Albrechts-Universität zuKiel und arbeitet im Bereich der Wahrnehmungs- und Kognitionsforschung.

 

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